Perspektivwechsel 1 Die Todesboten.

Es wurde viel über die Änderung der politischen Rahmenbedingungen und den fehlgeleiteten öffentlichen Diskurs geschrieben. Warum das überhaupt wichtig ist, merkt man schnell, wenn man den Blick auf das gesamte Bild, die verschiedenen Möglichkeiten der Energieversorgung, richtet. Stellt man fossil-nukleare Energiegewinnung einer Energieversorgung durch Erneuerbare Energien gegenüber, so verschieben sich schnell die Maßstäbe.

 

Die Atomenergie: Atomenergie ist unbeherrschbar und hoch riskant wie allein über 1000 meldepflichtige Zwischenfälle in den hiesigen Atomkraftwerken seit dem Jahr 2000 belegen. Kombinationen unglücklicher Zufälle, an die im Voraus niemand gedacht hat, können schnell zu Katastrophen wie in Harrisburg (USA) und Fukushima (Japan) führen (Auflistung schwerer Zwischenfälle). Atomkraftwerke lassen sich für den Supergau nicht versichern (was schon zeigt, wie gefährlich diese Kraftwerke sind). Bei Unglücken haftet demzufolge immer die Allgemeinheit. Die Machtlosigkeit bei Unfällen zeigt das Beispiel Fukushima in erschreckender Art und Weise, denn bis heute sind die Reaktoren nicht unter Kontrolle.

Doch auch bei der Gewinnung der Brennstoffe für Atomkraftwerke werden Menschen verstrahlt und sterben (Hintergrund) und die Umwelt wird massiv geschädigt (Hintergrund). Weltweit fehlende Endlager zeugen von der Verantwortungslosigkeit, mit der aktuelle Atomkraftwerke betrieben werden. Der Atommüll ist ein tödliches Erbe für die folgenden Generationen. Die vergeblichen Bemühungen mit Milliarden Euro ein Endlager für mittel- und schwachradioaktives Material zu finden, sind am Beispiel des ehemaligen Salzbergwerks Asse zu sehen: Die Eignung von Salz als Lagerstätte für Atommüll stellt sich schon nach wenigen Jahrzehnten als unbrauchbar heraus (bei Müll, der Millionen Jahre einlagern muss). Zusätzlich wurde unkontrollierte und illegale Verklappung von Atommüll betrieben, die nun das Grundwasser bedroht (Hintergrund, Bericht Untersuchungsausschuss). Die geplante Rückholaktion des Mülls wird mit Milliardenkosten veranschlagt, ohne dass jemand sagen kann, wie diese technisch möglich sein soll und ohne dass es einen alternativen Lagerplatz gibt.

Ein weiterer Aspekt ist, dass Atomkraft unter Berücksichtigung der immensen Risiken und der ungeklärten Endlagerfrage noch nie wirtschaftlich tragfähig war. Dazu kommt, dass strategische Machtoptionen und militärische Nutzung in Form von Atomwaffen bei Atomkraft immer mitschwingen. Die Absurdität dieses anachronistischen Denkens wurde im Kalten Krieg offensichtlich.

 

Erdgas und Erdöl: Auch Erdgas und Erdöl sind langfristig keine Option. Sie werden oft aus Krisengebieten geliefert, fachen Konflikte an oder halten diese aufrecht (z.B. Hintergrund Shell in Nigeria (1) oder (2) und (3) schon etwas länger her, aber unvergessen). Lieferungen aus Libyen oder Russland (Hintergrund) sind politisch höchst fragwürdig, aber ohne Energiewende weiter notwendig. Im Nahen Osten sind die reichen Ölvorkommen mehr oder weniger direkt verantwortlich für kriegerische Auseinandersetzungen.

Die einfach zu erschließenden Ölfelder sind bereits leer oder geben immer weniger her, sodass die Ölförderung immer aufwändiger und damit auch gefährlicher wird (Hintergrund: Ölpest Golf von Mexiko). Zudem dringt sie in ökologisch sensible Gebiete vor (Hintergrund: Arktis, Hintergrund: Yasuni). Die Liste von Unfällen im Kontext der Ölförderung ist lang und geht beim Transport weiter, wie beispielsweise die Havarie des Tankers „Erika“ vor der französischen Atlantikküste zeigte.

Der Abbau von Ölsanden ist keine Alternative (Hintergrund 1, Hintergrund 2, Hintergrund 3). Gleiches gilt für Fracking, das höchst problematisch in Hinblick auf Umweltverseuchungen und die menschliche Gesundheit ist (Hintergrund 1, Hintergrund 2) und dessen Potential zudem völlig überbewertet wird (Hintergrund 3).

 

Kohleenergie: Die  Kohlekraft ist die schmutzigste Art und Weise Energie zu erzeugen. Schon beim Abbau der Kohle, zumeist im Tagebau (z.B. USA, Kolumbien, Südafrika und Russland), werden riesige Landschaften zerstört, zehntausende Anwohner vertrieben und hunderte Menschen, die sich für Gerechtigkeit einsetzen, unterdrückt, verschleppt und umgebracht. Der Staub der Tagebaugruben führt zu schweren gesundheitlichen Schäden (Hintergrund 1 bzw. hier die volle Videodokumentation, Hintergrund 2, Hintergrund 3). Bei der Förderung von Kohle im Bergbau sterben tausende Arbeiter pro Jahr bei Grubenunglücken (Hintergrund). Auch in Deutschland sind die Folgen dramatisch, tausende Menschen müssen gegen ihren Willen ihre Heimat verlassen, da diese dem Braunkohletagebau zum Opfer fallen soll (Hintergrund 1, Hintergrund 2, Video – Opa ohne Lobby). Das Ruhrgebiet würde komplett volllaufen, wenn nicht Tag und Nacht das Wasser abgepumpt würde (Hintergrund), für Bergschäden (Hintergrund) haftet keine Versicherung. Auch hier tragen die Kosten im Zweifelsfall die Betroffenen oder die Allgemeinheit (Bund, Länder, Kommunen), aber nicht die Verursacher.

Bei der Verbrennung der Kohle werden erneut riesige Mengen an giftigen Schadstoffen (Hintergrund zu Quecksilber) und gesundheitsgefährdendem Staub frei, die für immense Folgeschäden und jährlich tausende Tote allein in Deutschland verantwortlich gemacht werden (Hintergrundstudie). Weltweit sterben jährlich 3,2 Millionen Menschen an der Luftverschmutzung durch die Verbrennung fossiler Energieträger (Hintergrund – gute Rede vom IWF). Brennende Kohleflöze in Folge unkontrollierten Abbaus sind eine Gefahr für ganze Städte und verursachen riesige Mengen von Treibhausgasen (Hintergrund).

Eines der zentralsten Probleme der Verfeuerung fossiler Brennstoffe ist jedoch der massive Ausstoß von Treibhausgasen. Kohle ist einer der Hauptgründe für die weltweite Klimadestabilisierung, die verheerende Folgen hat. Niemand kann die Auswirkungen auf die Umwelt genau vorhersagen. Klar ist nur, dass schon heute absehbare Maßnahmen jede Vorstellungskraft sprengen, was hier anhand von zwei kleinen Beispielen illustriert werden soll: Küstenstädte auf der ganzen Welt sind vom Meeresspiegelanstieg betroffen und müssen aufwändig und teuer nachrüsten (Hintergrund – Nachrüstung DeicheHintergrund Hochwasserschutz New York). Die Folgen von Extremereignissen sind heute schon verheerend (Beispiele: Wirbelstürme Sandy (2012) Schäden größer als 70 MRD $, Katrina (2005) mit über 125 MRD $ oder Taifun Haiyan mit vielen Tausend Toten auf den Philippinen). Über die zukünftigen Probleme können wir nur spekulieren, fest steht aber: Schon die heute spürbaren Folgen sind dramatisch. Von den drohenden, sich selbst verstärkenden Effekten gar nicht zu sprechen (Hintergrund 1, Hintergrund 2).

 

Fazit: Wir verheizen pro Jahr allein in Deutschland Brennstoffe für rund 100 Mrd. Euro, an denen sich in erster Linie skrupellose Rohstoffkonzerne oder Diktaturen bereichern. Die alte Energiewirtschaft geht dabei über Leichen. Mit dem Verbrennen von Kohle, Öl und Gas destabilisieren wir das Klima immer weiter. Die Umwelt- und Gesundheitsschäden sind schon heute exorbitant. Die Kosten und Folgen tragen wir alle. Kurz: Es ist katastrophal und verantwortungslos. Nein, fossile Energie will man nicht benutzen - wir sollten so schnell wie möglich damit aufhören!

 

Perspektivenwechsel 2 –  der Silberstreif am Horizont – von Diamanten und Freiheitsstatuen.

Weltweit boomt die Solarindustrie, es wird sogar von der Deutschen Bank (die sich bisher nicht als Vorkämpfer für Erneuerbare Energien präsentiert hat) im Kontext der Photovoltaik der zweite Goldrausch ausgerufen (Hintergrund). Weltweit steigt der jährliche Zubau rasant. Das ist vor allem deshalb interessant, weil die Photovoltaiktechnologie eine beeindruckende Kosten-Lernkurve hat. Die Kostendegression beträgt circa 20% bei jeder Verdopplung der weltweit installierten Leistung von Solaranlagen. Bei den derzeitigen Wachstumszahlen lässt das für die nächsten Jahre auf immense Einsparungspotenziale schließen. Noch vor 2020 können wir in Deutschland Photovoltaikstrom für unter 5 Cent / kWh produzieren (Hintergrund – Vortrag Prof. Dr. Eicke Weber). Damit wird Photovoltaik schon in wenigen Jahren die günstigste Möglichkeit sein, Energie zu erzeugen, die wir kennen. Weitere absehbare technische Entwicklung gar nicht berücksichtigt!

Erneuerbare Energien haben Wettbewerb in den von wenigen Akteuren dominierten Energiemarkt gebracht. Jeder kann eigene Anlagen bauen und sich selbst mit Energie versorgen. An Bürgerenergieprojekten kann man sich beteiligen und in den Gemeinschaften über die zukünftige Ausrichtung mitentscheiden: Demokratie in der Energiewirtschaft! Verbunden mit Investitionen in dezentrale Erzeugungseinheiten entstehen regionale Arbeitsplätze und Kommunen erhalten Steuereinnahmen. Kurz: Nachhaltige, regionale Wertschöpfung.

Die Erzeugung von Energie findet vor der Haustüre statt, es müssen keine Landschaften mehr zerstört, Menschen vertrieben oder Rohstoffe um die Welt verschifft werden. Bürger können selbst Verantwortung übernehmen und sind nicht mehr von der Geschäftspolitik skrupelloser Rohstoff- und Energiekonzerne abhängig. Politisch gewinnen wir Unabhängigkeit und Handlungsspielraum, da wir nicht mehr von Brennstofflieferungen aus anderen Ländern abhängig sind. Jedes Windrad ist eine Freiheitsstatue!

Solarzellen und Windräder produzieren keine Treibhausgase. Eine absolut saubere Sache! Und dazu sichere und moderne Technologie. Ihr Rückbau ist rückstandslos möglich – wenn wir in 20 Jahren bessere Technologien haben, können Sie einfach ersetzt werden. Funktionieren sie noch, produzieren alte, abgeschriebene Windkraftwerke und Solaranlagen fast kostenlos Strom. Solarzellen sind im Vergleich zu Atomkraftwerken einfach aufgebaut und höchst robust, weil sie eine ähnliche Struktur haben wie Diamanten – das sind doch glänzende Aussichten!

 

Nein, wir sollten uns nicht länger mit tendenziösen Informationen manipulieren und aufhalten lassen. Ja, die Energiewende ist nicht nur technisch möglich, sie ist unter Zugrundelegung von Fairness und Nachhaltigkeit sozial und ökologisch gegeben und dazu wirtschaftlich sinnvoll und vernünftig (Hintergrundstudie zur Berechnung der wirtschaftlichen Vorteile, Hintergrundbeitrag „wie es gehen könnte“). Wir müssen die Energiewende so schnell wie möglich umsetzen!

 

Mut machen sollte uns dabei, dass wir es mit den Impulsen aus Deutschland geschafft haben, der Photovoltaik zum weltweiten Durchbruch zu verhelfen. Mut machen sollte uns, dass nach wie vor eine überwältigende Mehrheit hinter der Energiewende steht (Hintergrundstudie) und Mut machen sollte uns die nicht mehr aufzuhaltende technische Entwicklung der Erneuerbaren Energien. Aber das wichtigste ist, dass wir uns für eine gute Sache, nämlich Demokratie, Frieden, Gerechtigkeit und Klimaschutz einsetzen. Daraus sollten wir unsere Kraft ziehen.

 

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